Ein Blick hinter die Kulissen – Test Blogbeitrag

Studierende des Fachbereichs Evangelische Theologie erarbeiten in dem seit 2019 laufenden Lehrpro­jekt kurze Erklärfilme sowie Ergänzungsmaterialien zu den fünf „Weltreligionen“ für den unterrichtli­chen Einsatz in Schule und Gemeinde. Die Kooperation zwischen der Professur für Religionspädagogik (Prof. Dr. David Käbisch, Laura Philipp) sowie dem Religionspädagogischen Institut Frankfurt (Uwe Martini, Direktor sowie Dr. Anke Kaloudis, Studienleiterin „Interreligiöses Lernen“) folgte dem Anliegen des am Fachbereich 06 angesiedelten LOEWE-Schwerpunkts „Religiöse Positionierung“, einschlägige Kooperationen mit au­ßeruniversitären Institutionen zu verwirklichen und eine breite Öffentlichkeit zu erreichen.

 

Tenzin Peljor, buddhistischer Mönch und Experte im Relithek-Projekt mit Studentinnen der Goethe-Universität im Tibethaus bei Drehbuchabsprachen.

Die Nach­haltigkeit des Projekts wird durch die im Jahr 2020 konzipierte und kostenlos nutzbare Homepage https://relithek.de/, durch Fortbildungsangebote für Lehrkräfte und durch eine öffentliche Bewerbung des Projekts (soziale Medien, Projektvorstellungen etc.) gewährleistet. Die Anschubfinanzierung er­möglichte dankenswerterweise die Abteilung Lehre und Qualitätssicherung der Goethe-Universität Frankfurt; inzwischen konnten weitere Drittmittel (Dr.-Buhmann-Stiftung für interreligiöse Verständi­gung, Goldschmidt-Stiftung, Evangelische Schulstiftung der EKD) erfolgreich eingeworben werden.

Gegenstand der Erklärfilme sind religiöse Artefakte und Thematiken, die in unterschiedlichen Religio­nen und Konfessionen „typisch“ sind. Das Lehrprojekt folgt damit dem allgemeinen Forschungstrend, der Materialität von Religion verstärkt Aufmerksamkeit zu schenken – auch im Religionsunterricht.

Das interreligiöse Lernen anhand und mit religiösen Zeugnissen stellt einen wichtigen Zugang in der unterrichtlichen Praxis dar. Neben spezifischen Artefakten können auch Texte, Rituale, heilige Räume oder Statements von Personen dafür herangezogen werden. Einige Religionspädagogische Institute verleihen zu diesem Zweck sogenannte „Materialkoffer zu den Religionen“, die verschiedene Artefakte (z.B. Kippa, Tallit, Gebetsketten) enthalten. Darüber hinaus sind häufig einschlägige Schulbuchseiten mit entsprechenden Bildern bestückt. Der jeweilige „Sitz im Leben“ dieser Gegenstände kann ohne Erklärung der Verwendungs- und Praxiszusammenhänge jedoch kaum deutlich werden – oftmals fehlt es zudem Lehrkräften an ausreichend Hintergrundinformationen, da eine ausführliche Thematisierung anderer religiöser Praxen in einem Lehramtsstudiums häufig zu kurz kommt.

Diesem Desiderat möchte das Projekt Abhilfe verschaffen, indem sogenannte Expertinnen und Experten der jeweili­gen Religionen die entsprechenden Artefakte und Themen in ihrem konkreten Verwendungszusam­menhang erklären. Es wird der Grundsatz verfolgt, nicht übereinander zu reden, sondern miteinander und durch die Interviewpassagen in den Filmen Innenperspektiven zum Sprechen zu bringen. Ein di­rektes Gespräch zwischen Schülerinnen und Schülern sowie Vertreterinnen und Vertretern der entsprechenden Religionsge­meinschaft stellt natürlich auch in der Schule die beste Methode der Begegnung dar, allerdings ist dies im schulischen Kontext aus unterschiedlichen Gründen (Netzwerk fehlt, örtliche Bedingungen etc., zu wenig Zeit) häufig nicht realisierbar. Relithek.de möchte diese Begegnung digital für alle Schulen und Interessierte ermöglichen. Dabei schließt die eine Option der Annäherung die andere nicht aus, beides ist vielmehr als gegenseitige Ergänzung zu verstehen.

 

Nurith Schönfeld, Expertin der Relithek zum Judentum, beim Anordnen der Speisen auf einem Sederteller für das Pessach-Fest.

Sowohl reale (z.B. durch das Begegnungsprojekt „meet a jew“ des Zentralrats der Juden in Deutsch­land) als auch digitale Begegnungen mit Gläubigen teilen den Umstand, dass immer nur aus einer Per­spektive heraus gesprochen und erklärt werden kann. Die Filme können demnach nicht die gesamte Pluralität einer Religionsgemeinschaft berücksichtigen, ermöglichen jedoch, eine spezifische Perspek­tive einer bestimmten Person kennenzulernen. Die Expertinnen und Experten des Projekts bieten Informationen aus „erster Hand“, lassen Schülerinnen und Schüler sowie die teilnehmenden Studierenden ein Stück weit an ihrem Alltag teilhaben und gewähren einen Einblick in ihren individuellen Glauben. An dieser Stelle sei nochmals darauf verwiesen, dass im schulischen Kontext alle Themen didaktisch reduziert werden müssen, so­dass nicht alle Details und Informationen in ihrer jeweiligen Breite berücksichtigt werden können. Wis­senschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Universität können der Aufgabe der didaktischen Re­duktion leicht aus dem Weg gehen; Lehrerinnen und Lehrer können es im Schulalltag nicht.

Das Lehrprojekt: Verbindung interreligiöser Bildung und Medienpädagogik

Neben dem schulischen Gewinn strebt das Projekt auch auf universitärer Lehrebene in mehreren As­pekten einen Mehrwert für Studierende des Fachbereichs evangelische Theologie an. So erhalten Studierende einerseits die Möglichkeit, sich intensiver mit interreligiöser Bildung und interreligiösen Themen auseinanderzusetzen, eigene Vorannahmen zu reflektieren und sich auf ein religiös heteroge­nes Arbeitsumfeld (Schule) vorzubereiten. Die Expertinnen und Experten stehen dem Seminar dabei nicht nur für O-Töne beziehungsweise Interviews zur Verfügung, sondern begleiten den gesamten Prozess der Filmer­stellung: Sie führen gemeinsam mit den Teilnehmenden des Seminars ein Vorgespräch, diskutieren die im Seminar erstellten Drehbücher, nehmen die finale Version des Filmes ab und prüfen das erstellte Begleitmaterial.  

Darüber hinaus erhalten die Seminarteilnehmenden die Möglichkeit, ihre bisherigen Medienkompe­tenzen zu erweitern und zu vertiefen. Das Medienprojektzentrum Offener Kanal Rhein-Main in Offen­bach konnte dafür als passender Projektpartner gewonnen werden. Teil des Seminars ist es ebenfalls, digitale Methoden für den Unterricht kennenzulernen und deren Einsatz zu reflektieren. In einem dreitägi­gen Workshop in Offenbach erhalten die Teilnehmenden des Seminars zudem eine Einführung in die Kamera- und Tontechnik, nehmen selbstständig Schnittmaterial auf, sprechen Off-Kommentare nach vorheriger Stimmübung ein, führen das entsprechende Interview und schneiden die Filme (https://relithek.de/making-of/). Pro Semester können so drei bis vier Erklärfilme in Kleingruppen er­stellt werden.

Die folgenden schriftlichen Evaluationen von Studierenden aus den vergangenen Semestern verdeut­lichen den Mehrwert dieser Lehrkooperation und bestätigen die Vorgehensweise, gemeinsam mit Stu­dierenden die Filme – wenn auch semi-professionell – zu erstellen:

„Gerade das Praxisprojekt ist ein absolutes Highlight. Ich habe, glaube ich, in einigen Semestern Uni selten etwas so Praktisches gelernt, was ich tatsächlich nochmal anwenden kann und will.“

„Das interreligiöse Projekt hat uns im Großen und Ganzen stark bereichert. (…) wir haben nicht nur Texte (…) gelesen, sondern durften eine Expertin treffen, die selbst Jüdin ist. Ihr konnten wir alle möglichen Fragen stellen. (…) Sie hat von sich persönlich erzählt, wie sie die Feste zu Hause in ihrer Familie und in der Synagoge erlebt und was das Judentum tatsächlich (im Alltag) auszeichnet.“

„Besonders an diesem interaktiven Seminar war: (…) zum einen hatte das Religionspädagogische Institut schülernahe Erklär-Videos (…) zum anderen lernten wir durch das interreligiöse Projekt jüdische Feste (…) kennen, hatten die Möglichkeit, uns mit jüdischen Experten und Gläubigen zu unterhalten und erweiterten zudem unsere Medienkompetenz durch den Umgang mit Film, Schnitt und Vertonung. In einem relativ leseintensiven und wissenschaftlichen Studium ist dies eine willkommene Abwechslung.“

Projektentwicklung: Von Erklärfilmen zum interreligiösen Multimediaportal

Bis Ende 2021 konnten insgesamt 20 Erklärfilme und Ergänzungsmaterialien (z.B. Transkripte und Glos­sare zu den Filmen, passende Texte aus den heiligen Schriften, Lern- und Bildkarten, Trickfilme zum Einstieg) kostenlos für Lehrkräfte und weitere Interessierte zur Verfügung gestellt werden. Das Projekt bzw. die Homepage soll nun fortlaufend weiterentwickelt und ergänzt werden:

  • Etwa 20 weitere Erklärfilme zum Christentum, Buddhismus und Hinduismus
  • Materialpool mit Unterrichtseinheiten und -bausteinen für das interreligiöse Lernen
  • Erweiterung des Fortbildungsangebots für Studierende, Lehrkräfte, Gemeindepädagoginnen und -pädagogen, Pfarrerinnen und Pfarrer und andere interessierte Personen zum interreligiösen Lernen und der Plattform relithek.de

Dieser Beitrag wurde in ähnlicher Form im Jahrbuch des Fachbereichs 06, „Evangelische Theologie“ der Goethe-Universität Frankfurt zum Thema „Theologie und Religionswissenschaft digital“, unter dem Titel „Relithek.de – Ein Lehrprojekt zur (inter)religiösen Verständigung und Bildung“ veröffentlicht, S. 12-13.

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